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Natürlich möchte man Bruno Müller-Meyers jüngstes Werk “Von Luzern bis Mekka” als Dokumentation einer langen und schönen Reise in den Orient betrachten. Man sucht dabei nach Erkennbarem, findet dies auch schnell, in den grossartigen Landschaften des nahen Ostens etwa, in den Sakralbauten der Geschichte natürlich und im jüngsten Monument der globalen Selbstüberschätzung, dem “Burj Khalifa”, jenem 828 Meter hohen Gebäude, das eigentlich Burj Dubai hätte heissen sollen, dann aber nach der Rettung des getrandeten Finanzplatzes durch das Nachbarherrscherhaus Khalifa entsprechend umgetauft werden musste. Wie bei einer realen Reise stechen zunächst vor allem die Kontraste zwischen alt und neu ins Auge.
Doch spätestens beim letzten Bild wirft die Reihe plötzlich Fragen auf, wo doch eine Dokumentation eigentlich nur eine möglichst umfassende Antwort geben sollte auf die Frage “wo warst Du und wie sieht’s dort aus?”. Irritation macht sich bemerkbar; wie konnte sich der Innerschweizer Landschafts- und Porträtmaler denn Zugang zum Allerheiligsten der Muslimen verschaffen, um dort das Gedränge der Pilger zu dokumentieren? Ist er womöglich ein Scharlatan, der uns etwas vorschaukelt? Was hat er vor mit uns, den Betrachtern, die die Reise bis dahin so genossen haben, fast wie eine Dia-Schau der Besonderen Art? Man blickt zurück und fragt sich, weshalb denn kurz vor Mekka Hochspannungsmasten festgehalten werden mussten? Und auch die Satellitenschüssel in Damaskus erscheinen plötzlich als Fragezeichen. Was wollen die Menschen in den grauen Häusern sehen, wohin haben sie ihre Antennen ausgerichtet? Auf uns vielleicht, die Wegbereiter und Vertreter westlicher Kultur, die wir so gerne in den Orient reisen, um dort dann doch meist nur festzustellen, wie zurückgeblieben seine Bewohner sind? So gesehen sind die Bilder vielmehr als Momentaufnahmen. Sie halten Stimmungen fest, Stimmungen, die auch verwirren.
Mekka als Reiseziel könnte nämlich durchaus auch als eine Provokation verstanden werden in einer Zeit, in welcher der Islam im Westen als Bedrohung empfunden wird. Ebensogut könnte Mekka als Reiseziel eines nicht Muslimen von den Muslimen als Anmassung, ja als Beleidigung verstanden werden. So gesehen dokumentiert Bruno Müller-Meyer mit seiner Reise nach Mekka dann doch wieder etwas sehr Reales, die Spannung nämlich zwischen Orient und Okzident, er öffnet uns mit seinen liebevollen und doch distanziert wirkenden Farbtönen die Augen, damit wir diese Spannung wahrnehmen – eine Spannung, die ebenso irritierend wie faszinierend sein kann.
Werner van Gent, Aqqaba
Oktober 2010